Der nebenstehende Text ist dem 1894 im Verlag F.W. Diederichs Nachfolger in Alfeld (Leine) erschienenen Buch
'Geschichte der Stadt Alfeld' von Wilhelm Heinze (Seminarlehrer) entnommen.

3. Badstuben

Als Heilmittel gegen die im Mittelalter häufigen Hautkrankheiten wurden vorzugsweise Bäder gebraucht. Es gab darum auch in den kleinsten Städten Badstuben. Der Volksmund gebrauchte dafür kurzweg die Bezeichnung "Stube" (stupa), niederdeutsch stove oder stave; der Bader hieß der "stover" oder "staver". Schon 1487 wird Michel, der stover genannt. Die öffentlichen Badstuben befanden sich am Kirchhof zu St. Nikolai und zwar in den drei Häusern unterhalb des zweiten Schulhauses. Ihrer Bauart nach sind diese drei Häuser erst zu Anfang des 18. Jahrhunderts gebaut; vorher wird hier nur ein Gebäude, das Badehaus, gestanden haben. Für diese Annahme1 spricht der Umstand, daß unter den bezeichneten drei Häusern ein stark gewölbter Keller liegt, der jetzt für die drei Haushaltungen geteilt ist. Jede Badstube war einem Heiligen geweiht.

Die in den Badehäusern des Mittelalters verabfolgten Bäder waren teils sogenannte Wasserbäder, teils Schweiß- oder Dampfbäder. Letztere wurden als das wirksamste Schutzmittel gegen den Aussatz angesehen. Die Dämpfe wurden durch das Begießen heißer Steine mit warmem Wasser erzeugt, letzteres war in besonderen Fällen mit einem Kräutersud vermischt. Außerdem wurde der in jeder Badstube befindliche große Kachelofen stark geheizt. Ferner enthielt die Badstube mehrere terassenförmig angebrachte Bänke, auf welche der Badende sich setzte oder legte, um eine Zeitlang zu schwitzen. Das Hauptgerät der Badstube war die Badewanne, die fast stets kreisrunde Gestalt hatte. Auch fehlte es nicht an Kübeln und Becken, teils um die Badenden zu begießen, teils um Wasser in die Wanne oder auf die erhitzten Steine zu tragen, ferner an Schwämmen, Badekappen, Seife, Tüchern zum Abtrocknen, Kämmen, einer Lagerstätte zum Ausruhen nach dem Bade, endlich noch aus Birken- oder anderen Reisern bestehenden Büscheln, um sich damit zu peitschen oder peitschen zu lassen.

Die Badstuben waren nicht jeden Tag und zu jeder Stunde dem Publikum zugänglich, mussten dagegen aber an den durch den Rat festgesetzten Tagen zum Gebrauch offen stehen. Hier in Alfeld mußte der Bader seine Badstuben am Dienstag, Donnerstag und Sonnabend heißen und Gäste annehmen. Fiel auf einen dieser Tage ein Kirchenfest, so trat der vorhergehende oder nachfolgende Tag an seine Stelle. In der Karwoche war das Baden untersagt. Das mit dem Gebrauch eines Bades verbundene Scheren und Schröpfen fand sehr häufig statt. Die Bader waren meist zugleich Barbiere und hielten neben den Badstuben eine solche für das Barbieren, Haarschneiden, Zahnausziehen, Nägelschneiden, Schröpfen und Aderlassen.

Um auch den Mittellosen den Segen der Bäder zuteil werden zu lassen, machte der fromme Sinn des Mittelalters Stiftungen, aus denen die Kosten der Bäder für Arme bestritten wurden. Diese Stiftungen wurden "Seelenbäder" genannt, weil sie als ein frommes Werk zum Heil der Seele des Stifters betrachtet wurden.

Die Blüte des Badewesens fiel in die letzten Jahrhunderte des Mittelalters. Mit dem Schlusse dieses Zeitalters begann dasselbe sogleich zu schwinden. Diese Erscheinung erklärt sich aus dem um 1500 sich zeigenden ärztlichen Widerspruch gegen das zu viele Baden, besonders gegen Schwitzbäder und endlich aus dem Umstand, daß die Badstuben zuletzt Brutstätten des Stadtklatsches und der Unsittlichkeit geworden waren.

Als die Badstuben eingingen, wurde das Badehaus zu Dienstwohnungen für die Bademütter (Hebammen) und für den Stadtpfeiffer oder Stadtmusikus genutzt. Im Jahre 1793 verkaufte der Rat die drei Häuser an Bürger der hiesigen Stadt, das erste Bademutterhaus für 100 Thlr., das andere Bademutterhaus (neben der Mädchenschule2) für 95 Thlr. und das Musikantenhaus für 125 Thlr.


Anmerkungen aus heutiger Sicht:

1 die Richtigkeit dieser Annahme kann man nach dem Ergebnis eines dendrochronologischen Gutachtens, das im Jahr 1996 durch Dipl.-Ing. Joachim Gomolka vom Nds. Landesverwaltungsamt - Institut für Denkmalpflege - in Hannover für das Haus Am Kirchhof 3 erstellt wurde, bezweifeln. Nach dem Gutachen ist das Fälljahr eines der Außenwandständer in der südlichen Traufwand des Hauses Nr. 3 auf das Jahr 1598 (-6/+8) Jahre zu datieren. Daraus kann man schließen, dass dieses Haus wesentlich älter sein müsste, als von W. Heinze angenommen. Weil die drei Häuser nach den baulichen Gegebenheiten offenbar 'in einem Zuge' errichtet worden sind, wird die Datierung 'um 1600' mit maximal 6 Jahren Abweichung für die ganze Reihe zutreffend sein.

2 in der damaligen Mädchenschule befindet sich jetzt das Tiermuseum